Tiefenblick: Wenn der Berater zum Vertriebskanal wird; und "Abhängigkeit" verkauft.
Wie die KI-Partnerwelle von Anthropic und OpenAI die IT-Beratung neu verdrahtet, und was das für Verwaltungen bedeutet, die auf Souveränität setzen wollen.
Erste Ausgabe von Tiefenblick, der monatlichen Schwerpunktanalyse zu Marktbewegungen mit Bezug zur Verwaltungsdigitalisierung.
„adesso wird Partner von Anthropic und skaliert agentenbasiertes Software-Engineering für seine Kunden." So der Titel der Meldung im August 2026 ( adesso ). Der Titel sagt es bereits selbst: für seine Kunden, nicht nur für die eigene Belegschaft. Klingt trotzdem nach einer von hunderten Partner-Pressemitteilungen, die jede Woche irgendwo erscheinen.
Ist sie aber nicht. Sie ist ein Baustein in einem Muster, das sich seit rund einem Jahr durch die gesamte Beratungs- und Umsetzerlandschaft zieht. adesso ist dabei kein Zufallsbeispiel: Das Unternehmen zählt zu den größten IT-Dienstleistern für die deutsche öffentliche Verwaltung ( adesso, Öffentliche Verwaltung ).
Eine Partnerliste, die sich selbst erklärt
Fast jede große Beratung hat sich in den letzten Monaten öffentlichkeitswirksam an Anthropic, OpenAI oder beide gebunden. Entscheidend ist dabei, ob die Partnerschaft nur die eigene Belegschaft betrifft oder auch die Projekte, die für Kund:innen geliefert werden, denn genau dort entsteht der Lock-in-Hebel bei den Kund:innen selbst:
- Accenture und Anthropic: Mehrjahrespartnerschaft mit eigener „Business Group", 2025 gestartet, 2026 um KI-gestützte Cybersecurity erweitert ( Accenture Newsroom ). Ausdrücklich nicht nur intern: „reinvention deployed engineers" bringen Claude „within client environments" zum Einsatz, öffentlicher Sektor wird als eigene Zielbranche genannt, wörtlich „AI agents that help citizens navigate complex government services" ( Accenture Newsroom ). Accenture ist parallel Gründungspartner von OpenAIs „Frontier Alliance" ( Fortune ).
- Deloitte und Anthropic: bereits im Juli 2024 verkündet, mit dem erklärten Ziel, Claude-gestützte Anwendungen für „commercial and government clients" bereitzustellen, zunächst 15.000 geschulte Fachkräfte ( Deloitte Newsroom ). Im Oktober 2025 folgt die Ausweitung auf rund 470.000 Mitarbeitende, laut CNBC „Anthropics größter Enterprise-Rollout überhaupt" ( CNBC ).
- KPMG und Anthropic: globale Allianz, Claude fest in die interne Plattform „Digital Gateway" integriert, 276.000 Mitarbeitende betroffen, verkündet Mai 2026 ( KPMG ). Ausdrücklich auch für Mandant:innen gedacht: „clients can build agentic workflows in real time" ( KPMG ). Zwei Monate später wird KPMG zusätzlich „Elite Partner" von OpenAI für „headless software" ( Fortune ).
- PwC und OpenAI: bereits im Mai 2024 offizieller Resellerpartner für ChatGPT Enterprise, OpenAIs Global Head of Alliances wird zitiert mit „PwC becomes our largest customer, but they’re also our first partner who’s going to be reselling ChatGPT enterprise", über 100.000 Lizenzen, davon 75.000 in den USA und 26.000 im Vereinigten Königreich ( Business Standard ). Im Mai 2026 kommt eine erweiterte Anthropic-Allianz hinzu: 30.000 US-Fachkräfte werden auf Claude zertifiziert, mit geplanter Ausweitung auf „hunderttausende" Mitarbeitende weltweit. Claude läuft dabei laut Anthropic bereits produktiv in Kundenprojekten, u.a. „professional sports operations, insurance underwriting, mainframe modernization, HR transformation, and cybersecurity" ( Anthropic ).
- BCG und McKinsey: beide Gründungspartner der OpenAI Frontier Alliance, deren erklärter Zweck es ist, „AI-driven transformations" bei den eigenen Klient:innen zu skalieren, also kein internes Werkzeug, sondern ein Kundenangebot ( BCG ), beide zusätzlich mit eigenen Anthropic-Allianzen unterwegs ( VentureBeat ). McKinsey selbst nutzt daneben seit Sommer 2023 mit „Lilli" ein rein internes KI-Tool für die eigene Beratungsarbeit, nach eigener Aussage „LLM-agnostisch" und unter anderem auf OpenAI-Modellen über Microsoft Azure sowie auf Modellen von Cohere basierend, kein Produkt, das an Mandant:innen verkauft wird ( VentureBeat ). Die Frontier Alliance von 2026 ist bei McKinsey damit keine neue Öffnung zu OpenAI, sondern die öffentliche, kundenseitige Bestätigung einer Bindung, die intern schon länger bestand.
- Capgemini: nicht nur Partner, sondern direkter Investor in die „OpenAI Deployment Company", ebenfalls im Rahmen der Frontier Alliance und damit auf Kundentransformationen ausgerichtet ( Capgemini ).
- IBM und Anthropic: Claude wird in „select IBM software products" integriert, aktuell in „private preview" bei ausgewählten Kund:innen, verkündet Oktober 2025 ( IBM Newsroom ). IBM nennt „expedited FedRAMP hardening" als Anwendungsfall, das US-Zulassungsverfahren für Cloud-Dienste in der Bundesverwaltung, ein konkreter Public-Sector-Bezug ( IBM Newsroom ).
- Cognizant und Anthropic: „Global Premier Partner", über 30.000 Mitarbeitende Claude-geschult, verkündet Juli 2026. Unter der Überschrift „Cognizant puts Claude to work for clients" nennt Anthropic konkrete Kundenprojekte, darunter ein Kundenerfahrungsportal für einen globalen Hersteller und ein Vertragsanalyse-System für ein Biopharma-Unternehmen ( Anthropic ).
- TCS und Infosys: klar auf das Kundengeschäft ausgerichtet. TCS baut eine eigene Business Unit „focused on deploying Anthropic’s AI models to its customers" auf, parallel erhalten auch die gut 50.000 eigenen Mitarbeitenden Zugang zu Claude, verkündet Juni 2026 ( TechCrunch ). Infosys entwickelt „enterprise-grade AI agents" auf Claude-Basis für seine Kund:innen, verkündet Februar 2026 ( Futurum ); alle drei indischen IT-Dienstleister (TCS, Infosys, Cognizant) sind zusätzlich in OpenAIs Codex-Partnerprogramm.
- Salesforce und Anthropic: „Claudeforce", Claude wird direkt ins CRM-Produkt eingebettet, das an Kund:innen verkauft wird, Salesforce-Daten wandern umgekehrt in Claude, verkündet August 2026 ( Salesforce ).
- EY, in einer globalen Initiative mit Microsoft, dem größten Anteilseigner von OpenAI, mit dem erklärten Ziel, Klient:innen beim Skalieren von KI zu unterstützen ( Microsoft News ).
Das ist keine vollständige Liste, es gäbe noch mehr Beispiele. Aber es reicht, um den Punkt zu machen: Es gibt praktisch keinen großen Berater mehr, der nicht an einen oder beide der dominierenden KI-Anbieter angedockt hat, und in den meisten Fällen ausdrücklich nicht nur für die eigene Belegschaft. Mehrere Namen, KPMG, PwC, Accenture, BCG, McKinsey, tauchen sogar doppelt auf.
Und die großen IT-Umsetzer und Integratoren
Neben den klassischen Strategie- und Prüfungsberatungen ziehen auch die IT-Umsetzer und Systemintegratoren mit, die im öffentlichen Sektor unmittelbar Projekte liefern:
- DXC Technology und Anthropic: globale Mehrjahresallianz, verkündet Juni 2026, ausdrücklich für die „mission-critical technology infrastructure systems", die DXC für Großkunden betreibt. DXC nennt „government agencies" explizit als Kundengruppe, neben Banken, Airlines und Versicherern, und will „tens of thousands of forward-deployed, Claude-certified engineers" direkt in Kundenumgebungen einsetzen. Getestet wurde zunächst am eigenen Betrieb, DXC nennt das die „Customer Zero philosophy" ( DXC Newsroom ).
- NTT DATA und OpenAI: Codex-Einsatz bislang vor allem intern, nach eigenem „Client Zero"-Prinzip: 9.000 aktive Nutzer:innen, Incident-Analysen von drei Tagen auf 30 Minuten verkürzt. Die Externalisierung zu Kundenprojekten ist laut OpenAI-Case ausdrücklich die nächste Stufe, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht abgeschlossen ( OpenAI ). NTT DATA ist auch im deutschen öffentlichen Sektor ein etablierter IT-Dienstleister, ein öffentlich dokumentierter Zusammenhang zur Codex-Partnerschaft besteht dafür bislang nicht.
- Deutsche Telekom / T-Systems und OpenAI: Mehrjahreskooperation, verkündet im Dezember 2025, mit zwei Strängen: eigene KI-Produkte für Millionen Endkund:innen in Europa sowie interne ChatGPT-Enterprise-Nutzung zur Kundenbetreuung ( OpenAI ). T-Systems ist parallel einer der zentralen IT-Partner der deutschen Verwaltung, unter anderem mit der Betriebs- und Vertriebskonzession für den BundesMessenger und einem eigenen Geschäftsbereich „Öffentlicher Sektor" ( T-Systems ). Ein direkter Zusammenhang zwischen der OpenAI-Kooperation und diesen Verwaltungsprojekten ist öffentlich nicht dokumentiert, beide Fakten stehen für sich.
- ServiceNow und Anthropic: verkündet Ende Januar 2026, Claude wird Standardmodell für den „ServiceNow Build Agent" und in die ServiceNow AI Platform integriert, parallel intern bei ServiceNow selbst für Vertrieb und Entwicklung genutzt ( Anthropic ). ServiceNow wird auch in deutschen Behörden als IT-Service-Management-Plattform eingesetzt, ein öffentlicher Nachweis, dass die Anthropic-Integration dort bereits ankommt, liegt nicht vor.
Diese vier ergänzen die Beraterliste um eine zweite Ebene. Es sind nicht nur die Berater, die sich binden, sondern auch die Plattformen und Umsetzer, über die Behörden am Ende tatsächlich Software beziehen.
Zwei Netzwerke, ein Geschäftsmodell dahinter
Wer nur auf die Pressemitteilungen schaut, sieht Technologiepartnerschaften. Wer auf die Finanzierungsstruktur schaut, sieht etwas anderes.
Im Mai 2026 haben Anthropic und OpenAI parallel eigene Joint Ventures für Enterprise-Vertrieb gegründet. Anthropics Venture, mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet, wird von Blackstone, Hellman & Friedman und Goldman Sachs mitgegründet, mit Apollo, General Atlantic, GIC, Leonard Green und Sequoia als weiteren Investoren. OpenAIs „Deployment Company" kommt auf 10 Milliarden Dollar Bewertung, getragen von TPG, Brookfield, Advent und Bain Capital. Als Vorbild für das Modell nennt die Berichterstattung Palantirs „Forward Deployed Engineer"-Ansatz: Fachleute sitzen direkt beim Kunden, statt Software von außen zu verkaufen ( TechCrunch ).
Der entscheidende Satz aus der Berichterstattung: Diese Ventures erhalten „preferred sales access" zu den Portfoliounternehmen ihrer Investoren. Übersetzt heißt das: Die Finanzinvestoren, die an Beratungen, Softwarehäusern und Industriekonzernen beteiligt sind, öffnen ihren Portfoliofirmen bevorzugten Zugang zum jeweiligen KI-Anbieter, und umgekehrt.
Das ist kein Software-Partnering mehr. Das ist ein Vertriebsnetzwerk, das über Kapitalbeteiligungen verdrahtet wird. Die Beratung ist darin nicht Kunde, sie ist Vertriebskanal. Das Beratungshaus zertifiziert Mitarbeitende, trainiert sie auf ein bestimmtes Modell, und bekommt dafür bevorzugten Zugang und, je nach Konstruktion, eine Beteiligung am Geschäft. Wessen Interesse dabei zuerst bedient wird, das des Kunden oder das der Partnerschaft, lässt sich von außen nicht mehr trennscharf beurteilen.
Man kann diese Entwicklung nicht nur als Abhängigkeitsfalle lesen. Die Beratungen selbst begründen ihre Partnerschaften mit echten Effizienzgewinnen: schnellere Projektlaufzeiten, geringere Fehlerquote bei Routineaufgaben, spürbare Entlastung der eigenen Teams. Das ist nicht per se falsch. Nur beantwortet es nicht die Frage, wer am Ende entscheidet, welches Modell für welche Behörde die richtige Wahl ist, wenn Berater und Anbieter wirtschaftlich zusammengehören.
Was „Lock-in" hier konkret heißt
Bei KPMG und OpenAI zeigt sich, wohin das führt. Das Konzept heißt „headless software": Mitarbeitende navigieren nicht mehr durch Bildschirme und Softwaremodule, sie beschreiben Absichten, ein KI-Agent koordiniert die Aktionen im Hintergrund über mehrere Systeme hinweg ( Fortune ).
Klingt nach Effizienzgewinn. Ist es vermutlich auch. Aber der Princeton-Forscher Arvind Narayanan bringt im selben Artikel den Kern des Problems auf den Punkt: Der KI-Agent wird zur „Wissensdatenbank, die man nicht feuern kann, ohne dass jedes Team Workflows verliert". Ein Kollege, der nicht mehr gekündigt werden kann, ohne dass die Organisation stillsteht.
Eine unabhängige Analyse der OpenAI Frontier Alliance beschreibt drei konkrete Mechanismen ( DeepHumanX ):
- Die Plattform wird tief in CRM-, HR- und Workflow-Systeme verwoben, ein Wechsel wird zur Geschäftsunterbrechung.
- Die Organisation hängt an der Preis- und Produktentscheidung eines einzelnen Anbieters.
- Und jede künftige KI-Investition muss sich an der Kompatibilität zur bestehenden Plattform messen lassen, bevor sie überhaupt geprüft wird.
Das ist die Definition von Lock-in. Nur diesmal nicht auf Ebene der Software allein, sondern auf Ebene von Software und Beratung gleichzeitig, weil beide beim selben Anbieter andocken.
Der Blick auf Deutschland: drei Fälle, die zeigen, worum es geht
Bislang ist das ein internationales, überwiegend privatwirtschaftliches Muster. Für die deutsche Verwaltung lässt es sich an drei aktuellen Fällen konkret machen.
Erstens, der Agentic AI Hub des BMDS. Im Juni 2026 meldet das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung den Abschluss einer dreimonatigen Pilotphase: neun Startups, 19 Kommunen, 20 Pilotprojekte, fast 600 Bewerbungen ( BMDS ). Die Pressemitteilung betont Souveränität ausdrücklich, „autonom agierende Systeme" sollen „die Handlungsfähigkeit des Staates" sichern und Deutschland „als souveränen Technologiestandort" stärken, gestützt auf eine „souveräne KI-Cloud" und den Deutschland-Stack. Welche Modelle in den 20 Pilotprojekten tatsächlich laufen, nennt die Mitteilung nicht.
netzpolitik.org ordnet das kritisch ein: Kommunale Chatbots wie BärGPT in Berlin, Gerda Bürki in Gersheim oder JOST in Hagen laufen faktisch auf Systemen wie Gemini, Copilot oder ChatGPT. Für genau diese Systeme fand eine Studie der European Broadcasting Union im Oktober 2025 branchenweit eine Fehlerquote von rund 45 Prozent bei generierten Antworten. Ob sich das eins zu eins auf die Verwaltungs-Chatbots übertragen lässt, untersucht die Studie nicht, netzpolitik.org stellt die Verbindung explizit als naheliegende, aber unbewiesene Vermutung dar, nicht als Beleg ( netzpolitik.org ). Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland bringt den eigentlichen Engpass auf den Punkt: Verwaltungen speichern ihr Wissen in Dokumenten statt in strukturierten, maschinenlesbaren Daten. Genau das, nicht ein weiteres Sprachmodell, wäre die Voraussetzung für verlässliche KI-Agenten ( netzpolitik.org ).
Zweitens, Copilot Chat in Niedersachsen. IT.Niedersachsen testet mit mehreren Landesressorts „Copilot Chat von Microsoft" und will ihn zeitnah für alle Nutzer:innen des NiedersachsenClient ausrollen. Zur Absicherung verweist die Landes-IT auf einen „geschützten Unternehmensmodus" mit technischen und vertraglichen Schutzmaßnahmen ( IT.Niedersachsen ). Welches Modell konkret hinter Copilot Chat arbeitet, wird auf der Seite nicht spezifiziert, Microsofts eigene Copilot-Produkte laufen auf OpenAI-Modellen. Ein Bundesland bindet sich damit an dieselbe Anbieterkette, die auch die globale Berater-Partnerwelle antreibt, nur über den Umweg Microsoft statt über eine direkte Anthropic- oder OpenAI-Partnerschaft.
Drittens, Accentures Auftritt auf der Smart Country Convention 2025. Accenture zeigt dort seine Plattform „NAV AI" für „modular, sicher, souverän" digitalisierte Verwaltungsprozesse und „KI-Superagenten" ( Smart Country Convention ). Weder Anthropic noch OpenAI werden dabei genannt, ebenso wenig ein anderer Modellanbieter. Dabei nennt Accenture in der eigenen globalen Anthropic-Partnerschaft den öffentlichen Sektor ausdrücklich als Zielbranche, dort ist wörtlich von „AI agents that help citizens navigate complex government services" die Rede ( Accenture Newsroom ). Auf der eigenen Verwaltungsmesse bleibt genau diese Verbindung unausgesprochen. Das ist selbst ein Befund: Wenn eine Beratung, die gleichzeitig Gründungspartner der OpenAI Frontier Alliance ist und öffentlich für Behörden-KI auf Anthropic-Basis wirbt, ihre konkrete Verwaltungsplattform mit dem Wort „souverän" bewirbt, ohne offenzulegen, welches Modell darunterliegt, ist Intransparenz kein Nebeneffekt des Lock-in-Problems. Sie ist ein eigenständiger Teil davon.
Warum das für die Verwaltung eine andere Kategorie ist
Für ein privates Unternehmen ist das ein Geschäftsrisiko, das es selbst abwägen kann. Für eine Behörde ist es etwas anderes.
Vendor Lock-in steht ohnehin auf der Sorgenliste jeder IT-Leitung, die gerade von proprietärer auf offene Software umstellen will. CLOUD Act, das Schrems-II-Urteil des EuGH und die NIS2-Richtlinie machen Datenhoheit und Anbieterprüfung zur Compliance-Pflicht, nicht zur Kür, das BSI hat dafür inzwischen einen eigenen Kriterienkatalog für KI-Modelle in der Bundesverwaltung veröffentlicht ( BSI ). Wenn jetzt zusätzlich der Berater, der bei der KI-Einführung beraten soll, selbst zertifizierter Partner mit Umsatzinteresse am gleichen Anbieter ist, verschiebt sich etwas Grundsätzliches: Die Instanz, die eigentlich unabhängig prüfen sollte, welcher Ansatz zur Behörde passt, hat ein eigenes Interesse an einer bestimmten Antwort.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Berater:innen. Die Fachleute bei adesso, KPMG oder Accenture arbeiten mit dem, was ihr Haus anbietet, das ist normal. Der Punkt ist strukturell: Eine Partnerschaft mit Zertifizierungsquoten, Trainingszielen und Umsatzbeteiligung erzeugt einen Anreiz, der nicht verschwindet, nur weil er im Beratungsgespräch nicht ausgesprochen wird.
Wer als Behörde eine KI-Architektur ausschreibt und dabei einen Umsetzer bucht, der zufällig Select Partner, Elite Partner oder Global Premier Partner eines der beiden großen Anbieter ist, bekommt keine neutrale Empfehlung. Er bekommt die Empfehlung, die zur Partnerschaft passt.
Für eine Behörde kommt eine zweite Ebene hinzu, die ein Unternehmen so nicht hat: der OZG-Umsetzungsdruck. Im Bitkom-DESI-Index 2026 liegt Deutschland beim Gesamtranking auf Platz 17 von 27 EU-Staaten, in der Teilkategorie Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung sogar nur auf Platz 22 ( Bitkom , Haufe ). Wer unter diesem Druck liefern muss und gleichzeitig zu wenige eigene Fachkräfte hat, greift eher zum Anbieter, der die schnellste Lösung verspricht, nicht zu dem, der die unabhängigste Architektur liefert. Genau in diesem Moment, unter Druck, mit knappem Personal, entscheidet sich häufig, ob eine Behörde in fünf Jahren noch verhandeln kann oder nur noch verlängern.
Was die Bundesverwaltung selbst schon anders macht
Interessant ist, dass die Bundesverwaltung sich in ihren eigenen Grundlagenpapieren längst gegen genau das Muster positioniert, das die Beratungswelt gerade vorlebt.
Ein erstes konkretes Beispiel liefert der Bund bereits im November 2025: Gemeinsam mit Frankreich startet er eine Initiative mit Mistral AI und SAP für souveräne KI in der Verwaltung, mit vier Schwerpunkten von intelligenten ERP-Systemen bis zu digitalen Assistenzsystemen für Bürger:innen. Die Begründung ist deutlich: „Über 80 Prozent der digitalen Werkzeuge, auf die wir uns verlassen, werden außerhalb Europas entwickelt, betrieben oder kontrolliert", heißt es in der gemeinsamen Erklärung, die das Format ausdrücklich als „offen für weitere europäische Anbieter" beschreibt ( BMDS ). Kein Zertifizierungsprogramm, keine Elite-Partner-Stufe, sondern eine direkte Regierungsinitiative mit einem europäischen Modellanbieter, ohne Beratungshaus dazwischen.
Im Dezember 2025 veröffentlicht das ÖFIT-Kompetenzzentrum am Fraunhofer FOKUS im Auftrag des BMDS eine Studie zu großen Sprachmodellen in der Bundesverwaltung. Der Befund: Bundesbehörden setzen bislang überwiegend auf Eigenentwicklungen, quelloffene Systeme, interne Hosting-Infrastruktur und austauschbare Modelle, ausdrücklich nicht auf marktdominante LLM-Anbieter. Die Studie empfiehlt zusätzlich geteilte KI-Hardware-Ressourcen von Bund und Ländern, ein europäisches quelloffenes Verwaltungs-LLM und verpflichtende Souveränitätsprüfungen für kritische Projekte ( BMDS , ÖFIT ). Digitalminister Karsten Wildberger wird mit dem Satz zitiert, man sei „bereits auf dem richtigen Weg, eine solide Grundlage für unabhängige KI-Lösungen in der Bundesverwaltung zu schaffen".
Das ist fast wörtlich die Gegenthese zur Partnerwelle der Beratungen: hier Austauschbarkeit und Eigenkontrolle als Ziel, dort Zertifizierungsquoten und Umsatzbeteiligung an genau zwei Anbietern.
Gleichzeitig zeigt der Bundesrechnungshof, wie weit Anspruch und Umsetzung noch auseinanderliegen. In einem Bericht von Anfang August 2026 moniert er beim Deutschland-Stack fehlende Risikoanalysen, unzureichende technische Standards und mangelnde Transparenz bei der Fortschrittskontrolle, bei einem geplanten Start Anfang 2028 ( it-boltwise ). Die Studie liefert die richtige Zielrichtung. Die Beschaffungspraxis liefert sie noch nicht.
Der Ausweg: Architektur vor Beschaffung
Das ist kein Grund, KI-Einsatz in der Verwaltung zu verschieben. Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Der Druck, Verwaltungsprozesse mit KI zu unterstützen, ist real und wird nicht kleiner.
Fünf Punkte, die sich aus der Analyse ableiten lassen:
Architektur zuerst, Anbieter danach. Wer offene Schnittstellen, dokumentierte Datenflüsse und Modell-Agnostik als Ausschreibungskriterium festlegt, bevor er sich für einen Anbieter entscheidet, verhindert genau die Verwebung, die einen späteren Wechsel zur Geschäftsunterbrechung macht. Der Grundsatz ist derselbe wie bei Open-Source-Software: nicht das Modell entscheidet über die Souveränität, sondern die Architektur drumherum. Die eigene ÖFIT-Studie der Bundesverwaltung liefert dafür bereits die Blaupause, und die Mistral-SAP-Initiative von Bund und Frankreich zeigt, dass sich das auch auf Regierungsebene direkt umsetzen lässt, nicht nur als Studienempfehlung.
Beratung und Vertrieb trennen. Wer strategisch berät, welcher KI-Ansatz zur Behörde passt, sollte kein zertifizierter Partner des Anbieters sein, den er am Ende empfiehlt, erst recht nicht, wenn die Partnerschaft ausdrücklich für Kundenprojekte gilt und nicht nur für das eigene Haus. Das ist derselbe Maßstab, den man an jede andere Beschaffungsberatung auch anlegt. Er wird bei KI aktuell selten angewendet, weil das Thema neu wirkt. Ist es aber nicht.
Modell-Transparenz zur Ausschreibungsbedingung machen. Das NAV-AI-Beispiel von Accenture zeigt, wie leicht sich „souverän" sagen lässt, ohne zu sagen, welches Modell dahintersteckt. Jede Ausschreibung sollte verlangen, dass der Anbieter offenlegt, welches Modell, welcher Betreiber, welcher Rechtsraum, und wem dieser Anbieter aktuell gehört. Der BSI-Kriterienkatalog für KI-Modelle in der Bundesverwaltung liefert dafür bereits einen Prüfrahmen.
Eine Behörde reicht als Vorbild. Die Architekturfrage muss niemand für den gesamten Bund im ersten Anlauf lösen. Der Agentic AI Hub zeigt mit 19 beteiligten Kommunen bereits, dass sich Pilotformate organisieren lassen. Eine Kommune, die dokumentiert, wie sie Modell-Agnostik in ihre Ausschreibung übersetzt hat, liefert die Vorlage, die andere übernehmen können.
EfA-Logik auf KI übertragen. Was bei Fachverfahren längst Prinzip ist, eine Lösung bauen, die andere nachnutzen können, fehlt bei KI-Architekturen bislang komplett. Jede Behörde verhandelt einzeln mit denselben zwei oder drei Anbietern, während die Anbieterseite längst konsolidiert über Beratungsnetzwerke koordiniert. Eine gemeinsame Referenzarchitektur, offen dokumentiert und zwischen Ländern geteilt, wie sie die ÖFIT-Studie mit einem europäischen quelloffenen Verwaltungs-LLM andeutet, würde die Verhandlungsposition der Verwaltung stärken, ohne dass eine einzelne Behörde das Risiko allein tragen muss.
Keiner dieser fünf Punkte verlangt, auf Claude, ChatGPT oder ein anderes Modell zu verzichten. Sie verlangen nur, dass die Behörde die Architekturentscheidung trifft, bevor der Berater sie für sie trifft.
Was das für die nächste Entscheidung heißt
Die Partnerliste am Anfang dieses Artikels wird bis Jahresende länger, nicht kürzer. Das ist keine Prognose, das ist die Fortschreibung eines Trends, der sich seit einem Jahr in derselben Richtung bewegt.
Für Verwaltungen heißt das nicht: abwarten. Es heißt: die Architekturentscheidung von der Anbieterentscheidung trennen, bevor beide gemeinsam vom selben Berater kommen, der möglicherweise auch noch am Anbieter beteiligt ist. Wer das in der nächsten Ausschreibung schon mitdenkt, muss später nicht zurück, und muss auch nicht auf den für 2028 geplanten Deutschland-Stack warten, um damit anzufangen.
Hat Sie das Thema interessiert?
Sprechen Sie mich an.