72 Stunden. Wie schnell uns KI abhängig macht – und was digitale Souveränität jetzt wirklich kostet

Am Freitag, den 12. Juni, um 17:21 Uhr Ostküstenzeit, bekam Anthropic einen Brief vom US-Handelsministerium. Unterzeichnet von Minister Howard Lutnick. Inhalt: Die beiden neuen KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 dürfen für niemanden ohne US-Staatsbürgerschaft mehr laufen, innerhalb wie außerhalb der USA. Weil das Unternehmen seine Nutzer nicht zuverlässig nach Pass sortieren kann, hat es beide Modelle kurzerhand für alle abgeschaltet. Auch für die eigenen Mitarbeitenden. ( heise online , the decoder )

Die Modelle waren zu diesem Zeitpunkt 72 Stunden alt.

Das ist kein Szenario aus einem Strategiepapier. Das war letzte Woche. Und für die Open Source Business Alliance ist es ein „Weckruf für Europa" . Ich würde es nüchterner formulieren: Es ist der bisher deutlichste Beleg für etwas, das ich seit Jahren sage. Die Abhängigkeit von US-Technologie ist kein Risiko, das irgendwann eintreten könnte. Der Schalter existiert, und er wird benutzt. Erst bei der Cloud, als Trump den Schlüssel dazu in der Hand hatte , jetzt bei der KI.

Der eigentlich unangenehme Teil ist aber nicht der Vorfall. Es ist die Geschwindigkeit, mit der wir uns überhaupt erst in diese Lage gebracht haben.

Warum KI schneller abhängig macht als Microsoft

Bei Microsoft hat das zwei Jahrzehnte gedauert. Die Abhängigkeit ist über Beschaffungen entstanden, über Lizenzverträge und Rahmenvereinbarungen. Jede einzelne davon dokumentiert, ausgehandelt, von jemandem unterschrieben. Man kann finden, dass viele dieser Unterschriften ein Fehler waren. Aber es waren Entscheidungen. Allein zehn Bundesländer haben seit 2021 zusammen über 686 Millionen Euro an Microsoft gezahlt , mit im Schnitt fast 17 Prozent Steigerung pro Jahr. Und schon vorher war klar: Souveränität bei Microsoft gibt es bestenfalls gegen Aufpreis .

Bei KI läuft das anders. Hier entsteht die Abhängigkeit ohne eine einzige formale Entscheidung.

Sie kommt von unten. Nicht der CIO beschließt den Einsatz. Es ist die Kollegin, die das nächste Protokoll in ein Chatfenster kopiert, der Kollege, der seinen Vermerk dort gegenlesen lässt, das Sachgebiet, das sich die Bürgeranfrage zusammenfassen lässt. Kein Vergabeverfahren, kein Migrationsprojekt, kein Personalratsbeschluss. Das Werkzeug ist an der Tür kostenlos, die Ergebnisse sind verblüffend gut, und die Gewöhnung ist längst da, bevor jemand zum ersten Mal nach Datenabfluss, Vertragslage oder Ausstiegsoption fragt.

Wofür Microsoft 25 Jahre gebraucht hat, reichen bei KI 25 Tage. Am Ende dieser 25 Tage steht eine Organisation, deren Arbeitsfähigkeit an einem Dienst hängt, den sie nie beschafft, nie geprüft und nie vertraglich abgesichert hat. Souveränität war für mich nie ein Bekenntnis, sondern eine Architekturentscheidung . Bei KI wird diese Entscheidung gerade getroffen, nur trifft sie niemand bewusst.

Die Rechnung, die niemand eingepreist hat

Dass diese Werkzeuge kostenlos oder fast kostenlos sind, ist kein Geschenk. Es ist Kundengewinnung auf Pump.

Die Zahlen dahinter sind öffentlich und unbequem. Allein die Inferenz, also das reine Beantworten der Anfragen, hat sich bei OpenAI im Jahr 2025 vervierfacht und die bereinigte Bruttomarge von 40 auf 33 Prozent gedrückt. Für die Rechenleistung sind bis 2030 rund 600 Milliarden Dollar veranschlagt , bei einem für denselben Zeitraum erhofften Umsatz von 280 Milliarden. ( the decoder ) Und es zahlt ja nur ein Bruchteil der Nutzer überhaupt etwas. Der Rest wird quersubventioniert, um Marktanteile zu sichern.

Eine solche Lücke schließt sich nicht von selbst. Sie schließt sich über genau die Mechanismen, die wir gerade in Echtzeit beobachten. Rate Limits, die dann greifen, wenn man das Werkzeug am dringendsten braucht. Aufgeteilte Nutzungskontingente. Aufschläge für die automatisierte, „agentische" Nutzung. Und die Tarife, die nach oben gehen, sobald die Lockphase vorbei ist .

Die wichtigste Frage stellt beim Einstieg trotzdem niemand. Was muss dieser Dienst eigentlich kosten, damit er sich trägt? Und wer zahlt diesen Preis, wenn die Lockangebote auslaufen? Wer seine Prozesse heute auf eine subventionierte Gratisleistung stützt, baut auf einen Preis, den er nicht kennt, festgelegt von einem Anbieter, den er nicht wechseln kann.

Souveränität ist kein Etikett. Sie ist eine Skala.

Damit sind wir bei dem Begriff, der inzwischen alles und nichts heißt: digitale Souveränität. Das Problem ist nicht neu. Schon im Januar habe ich über Souveränität ohne Definition geschrieben . Bei KI wiederholt sich das im Zeitraffer. „Souveräne KI" steht heute auf Angeboten, bei denen außer dem Standort des Rechenzentrums nichts souverän ist.

Es lohnt sich deshalb, einmal zu sortieren, was eigentlich gemeint sein kann:

Überträgt man diese Logik auf KI, ergibt sich eine einfache Skala.

Am unteren Ende steht das Marketing-Label. Ein US-Modell, gehostet in einer „EU-Region", mit einem Datenschutz-Beiblatt. Das verschiebt den Speicherort, nicht die Kontrolle. Der CLOUD Act reicht weiterhin durch, der Schalter bleibt in Washington.

In der Mitte liegt konfigurierbare Kontrolle. Dedizierte Instanzen, vertragliche Zusicherungen, Auditierbarkeit. Besser, aber die Verfügbarkeit hängt am Wohlwollen und an der Rechtslage des Anbieters. Fable 5 hat gezeigt, wie schnell sich beides ändert.

Am oberen Ende steht echte Souveränität im Sinne von offenen Modellen, die man selbst betreibt, auf eigener oder europäischer Infrastruktur wie dem Sovereign Cloud Stack . Ein Modell mit offenen Gewichten auf der eigenen Maschine kann niemand per Brief abschalten. Es läuft einfach weiter.

Das Problem ist nicht, dass es das obere Ende nicht gäbe. Das Problem ist, dass das meiste, was sich „souverän" nennt, am unteren Ende sitzt, und dass kaum jemand weiß, wo seine eigene Lösung auf dieser Skala eigentlich steht. Genau das zu wissen, ist die eigentliche Kompetenz. Nicht das Bekenntnis zur Souveränität, sondern die ehrliche Verortung.

Wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen, zeigt die aktuelle Red-Hat-Studie unter deutschen IT-Entscheidern. Nur 57 Prozent haben überhaupt eine Exit-Strategie, falls ihr KI-Anbieter den Zugang einschränkt. 46 Prozent wissen nicht vollständig, wo ihre Daten verarbeitet werden. Und nur 30 Prozent haben eine ausgereifte Governance für ihre KI-Agenten. ( OSBA zur Red-Hat-Studie ) Abhängigkeit, kein Ausgang, kein Überblick über die Daten. Das ist die Lehrbuchbeschreibung von Erpressbarkeit.

Wie viel Souveränität können wir uns leisten?

Souveränität kostet Geld und Disziplin. Das ist der ehrliche Grund, warum wir sie immer wieder verschieben. Eigene Modelle zu betreiben, Workloads zu trennen, Ausstiegsszenarien durchzuspielen, das ist teurer und unbequemer, als sich ins nächste Gratis-Angebot einzuloggen.

Aber die Rechnung hat zwei Seiten. Auf die andere gehören der CLOUD Act, die Microsoft-Kosten, die in mehreren Ländern seit Jahren um knapp 17 Prozent jährlich steigen, und jetzt eine KI, die nach 72 Stunden abgeschaltet werden kann. Die Frage ist also nicht nur, wie viel Souveränität wir uns leisten können. Sondern auch, wie viel Abhängigkeit wir uns noch leisten wollen, wenn die Schlagzeilen offenbar im Wochentakt kommen, gern freitagnachmittags.

Die Antwort ist kein Alles oder Nichts. Niemand muss ab morgen jedes Modell selbst hosten. Souveränität ist eine Portfolio-Entscheidung, Workload für Workload, sortiert nach Sensibilität. Die Bürgeranfrage mit personenbezogenen Daten gehört nicht auf dieselbe Stufe wie die Formulierungshilfe für eine Pressemitteilung. Wer das trennt, darf den Komfort kommerzieller Modelle dort nutzen, wo er vertretbar ist, und behält die Kontrolle dort, wo sie zählt.

Der Weg dahin ist nicht neu, er wird nur selten gegangen. Er beginnt mit drei Schritten, die keine Gesetzesänderung brauchen:

  1. Eine ehrliche Inventur, wo KI im Haus schon genutzt wird, meist breiter und unkontrollierter als gedacht.
  2. Eine Einteilung der Anwendungsfälle nach Sensibilität.
  3. Für die sensiblen Fälle eine dokumentierte Prüfung, ob eine offene, selbst betreibbare Alternative existiert, und zwar mit der Begründungslast beim Einkauf der Abhängigkeit, nicht beim Einsatz der offenen Lösung.

Dass das funktioniert, muss man nicht glauben, man kann es nachrechnen. Schleswig-Holstein hat seinen digitalen Standardarbeitsplatz auf offene Software umgestellt und die jährlichen Kosten dafür von 18 auf 3 Millionen Euro gedrückt . Das ist keine ideologische Entscheidung, das ist Verwaltungsökonomie.

💡 Open Source ist auch hier kein Kostenspar-Argument, sondern ein Souveränitäts-Argument. Wer offene Modelle einsetzt, hat keinen Lock-in, kann selbst betreiben und prüfen, und niemand schickt ihm freitagabends einen Brief.

Fable 5 hat ein Zeitfenster geöffnet, in dem solche Entscheidungen Aufmerksamkeit bekommen. Es schließt sich schnell wieder. Was es jetzt braucht, sind Verfahren. Keine Bekenntnisse.

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