Zuviel Geld ist das Problem. März 2026 im E-Government-Rückblick.

Der März stand im Zeichen des Deutschland-Stacks. Das BMDS hat erstmals eine Nationale Rechenzentrumsstrategie vorgelegt. ZenDiS hat seine 20 Souveränitätskriterien zur öffentlichen Konsultation gestellt. Der IT-Planungsrat hat in Rostock den Stack mit Plattformkern beschlossen und das FITKO-Budget neu sortiert.

Klingt nach Bewegung. Klingt aber auch nach dem, was der Tagesspiegel in derselben Woche pointiert getitelt hat: „Erst der Auftrag, dann das Konzept."

Mein Eindruck nach drei Wochen mit dem Thema: Wir reden hier nicht über zu wenig Geld. Wir reden über die Folgen einer Politik, die zu vielen parallelen Spuren gleichzeitig Geld gibt.

Stack ohne Stack

Wer sich aktuell mit Rechenzentrums-, Souveränitäts- und Stack-Diskussionen beschäftigt, hört von Anbietern und Verbänden den gleichen Satz: „Es ist zu wenig Geld da." Ich halte das für eine Verschiebung der Diagnose.

Geld ist absolut betrachtet eher zu viel da. Es reicht nur nicht aus, um alle parallelen, ähnlichen, aber konkurrierenden Aktivitäten dauerhaft zu finanzieren. Und am Ende wird mehrfach bezahlt, was eigentlich nur einmal gedacht und gebaut werden müsste.

Das aktuell sauberste Beispiel: ZaPuK , die föderale Zielarchitektur für Postfach- und Kommunikationslösungen. Die FITKO hat im März die Phase 2 vorgestellt. Der Hintergrund: In Bund und Ländern existieren über die Jahre eine Reihe von Postfach- und Kommunikationsdiensten parallel – entwickelt, finanziert, betrieben. Jetzt wird Geld investiert, um sie unter eine gemeinsame föderale Architektur zu bringen, samt Anbindung an EUDI-Wallet und BundID. Viel Geld, über viele Jahre, on top – nachdem die Einzellösungen vorher ebenfalls viel Geld gekostet haben.

Das Muster ist alt: Erst entstehen Insellösungen entlang der Föderalismus-Linien, weil jede Ebene ihren Anspruch in eigene Software gegossen hat. Dann kommt der Integrationslayer, der das Ganze zusammenklammert. Dann kommt – drei Jahre später – der nächste Integrationslayer, der die Klammer ersetzt. Das ist nicht Souveränität, das ist Sedimentierung.

Damit verschiebt sich auch das eigentliche Risiko des Deutschland-Stacks. Die Diskussion fokussiert sich darauf, was in den Stack gehört. Sie sollte sich darauf fokussieren, was nicht mehr in den Stack gehört.

Der größte gemeinsame Nenner

Aktuell beobachte ich das Gegenteil. Das BMDS bewirbt den Stack als „nationale souveräne Technologie-Plattform". Verbände, Anbieter, Bundesländer, Communities und Forschungsinstitute reklamieren dazu – nachvollziehbar – Sichtbarkeit für ihre eigenen Bausteine. Jede:r will sagen: „Wir sind da auch drin."

Damit wird der Deutschland-Stack zum größten gemeinsamen Nenner. Er sammelt fleißig ein. Aber genau das war nicht die Idee.

Die Idee eines Stacks lebt davon, was er nicht enthält. Reduktion ist die Funktion, nicht die Schwäche. Eine Plattform, die alles aufnimmt, ist keine Plattform mehr – sie ist ein Verbund mit neuem Logo. Genau das passiert gerade.

Der saubere Test wäre: Welche bestehenden, parallel laufenden Initiativen werden durch den Stack abgelöst? Welche Förderlinien laufen aus, welche Verträge werden nicht verlängert, welche Plattformen werden migriert und dann abgeschaltet? Wenn auf diese Frage keine konkreten Antworten existieren, ist der Stack keine Vereinfachung, sondern eine Erweiterung.

💡 Stack-Politik braucht keine 21. Initiative. Sie braucht die Bereitschaft, ein paar der bestehenden zu beenden.

Die 20 ZenDiS-Souveränitätskriterien sind in genau dieser Logik der konzeptionell stärkste Beitrag des März. Kriterien definieren, was reingehört und was nicht – und damit, was an Vorhandenem nicht mehr ausreicht. Ob die politische Umgebung den Mut für diese Konsequenz aufbringt, ist die zweite Frage. Aber methodisch ist das der richtige Schritt.

Was Österreich uns sagt – und was nicht

Im selben Monat eine andere Geschichte: Österreich migriert Teile seiner Verwaltung auf Open Source. „ Reibungsloser als erwartet ", schreibt Golem über die laufende Umstellung. Parallel hat das Bundesrechenzentrum (BRZ) eine Public-AI-Initiative auf Open-Source-Basis aufgesetzt – mit eigener Modell-Strategie statt Hyperscaler-Abhängigkeit.

Der deutsche Reflex auf solche Nachrichten ist berechenbar: „Lasst uns das übernehmen."

Das wäre ein Trugschluss. Österreich ist juristisch, fachlich und technisch anders aufgestellt als Deutschland. Andere Föderalismus-Architektur, andere Beschaffungsregeln, andere Größenordnungen, andere Anbieter-Ökosysteme. Was dort funktioniert, lässt sich nicht eins zu eins importieren – die Strukturen sind nicht kompatibel.

Daraus lernen ist trotzdem der Punkt. Die Frage ist nie „wie kopieren wir das?", sondern „was davon lässt sich in unseren föderalen Kontext übersetzen?". Welche Vorgehensweise, welche Governance-Struktur, welche Rolle für die Anbieter, welche Eskalationswege – was davon ist anschlussfähig an deutsche Realität, welche Bausteine sind es nicht.

Das ist der Unterschied zwischen Inspiration und Folklore. Aus Wien lassen sich in diesem Sinne mehrere konkrete Punkte herausziehen – der wichtigste: dass Souveränität nicht mit einem zentralen Plattform-Statement beginnt, sondern mit konsequenter Anbieter-Auswahl in jeder einzelnen Ausschreibung. Auch das ist ein Punkt, den der Deutschland-Stack noch nicht beantwortet.

Fazit

März 2026 in einem Satz: An Konzepten mangelt es nicht. An Entscheidungen schon. Und am Mut, parallele Spuren zu schließen, statt sie hinterher mit dem nächsten Stack-Layer zu integrieren.

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