Halbfertig, aber teuer. Februar 2026 im E-Government-Rückblick.

481 Millionen Euro hat der Bund 2025 für Microsoft-Lizenzen gezahlt – gegenüber 74 Millionen 2017 ein Anstieg um 550 Prozent in acht Jahren. Die Zahl wurde im Februar öffentlich, aufbereitet von OSB Alliance , nachgereicht in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Die Computerwoche schreibt von „digitaler Geiselhaft" , heise von „Microsoft Dependency" . Die Empörung ist groß.

Die Empörung ist auch alt. Die PwC-Studie für das BMI von 2019 hat das Abhängigkeitsproblem schon damals systematisch dokumentiert – mit klaren Handlungsoptionen. Der Bundesrechnungshof hat noch früher Open Source gefordert . Neu ist nicht der Befund. Neu ist, dass jetzt alle reagieren wollen – jeder für sich.

Wegbewegung von Microsoft. Jeder für sich.

Die Bewegung im Februar war auffällig:

Im Bundestag prüft eine Kommission unter Andrea Lindholz Microsoft-Alternativen, mit IT-Strategie bis Mai 2026 und ersten Pilotlösungen (Wire als Messenger, Delos als Cloud-Layer). Berlin hatte Mitte Januar eine Open-Source-Strategie verabschiedet – sieben Maßnahmen über sieben Jahre, ITDZ als Programm-Office. Sachsens neue CIO Daniela Dylakiewicz erklärt, dass Sachsen „gut daran tut, alternative Lösungen zu testen und einzusetzen". Aus dem Hochschulbereich kommt die Forderung, openDesk kostenfrei für Universitäten verfügbar zu machen.

Dass sich da etwas bewegt, ist gut. Wie es sich bewegt, ist das Problem.

Jeder geht das Thema für sich an. Bund, Länder, Kommunen, Hochschulen – jede:r mit eigenem Geld, eigenen Pilotprojekten, eigenen Zeitplänen. Erfahrungen werden nicht systematisch ausgetauscht. Eine Migration in Schleswig-Holstein hilft nur indirekt einer Migration in Sachsen-Anhalt, obwohl die Probleme zu 80 Prozent dieselben sind.

Eigentlich gäbe es einen Akteur, der genau dafür gegründet wurde: ZenDiS, das Zentrum für Digitale Souveränität. Aber ZenDiS ist zu spät dran, zu wenig sichtbar, und das Kernprodukt openDesk ist nach allem, was zu sehen ist, noch kein 1:1-Replacement für Microsoft 365. Das ist ein Problem, das sich technisch lösen lässt – aber nur, wenn es die nötigen Ressourcen und Reichweite bekommt.

Statt dass die nun anlaufenden Migrationsbewegungen in Bund und Ländern ZenDiS stärken, machen viele ihr eigenes Ding. Das ist nachvollziehbar – niemand wartet auf einen Träger, dessen Produkt noch nicht reif ist. Aber die Konsequenz ist absehbar: Am Ende haben alle halbfertige Lösungen. Halbfertig und teuer.

💡 Souveränität skaliert nicht über zerstreute Einzelmigrationen. Sie skaliert über einen Träger, dem alle das Mandat geben – und dem alle den Druck machen, schneller marktreif zu werden.

Mehr Organisationen statt mehr Wirksamkeit

Beim Deutschland-Stack hat der Februar zwei Bewegungen gebracht. Markus Richter (BMDS-Staatssekretär, vorher Bundes-CIO ) plant einen verbindlichen Deutschland-Stack plus ein neues „Digitalcenter". Karsten Wildberger umreißt im selben Monat eine „Deutschland-App" mit KI-Agenten , die BAföG-Anträge, Anmeldungen und Firmengründungen erledigen soll – Details für Sommer 2026 sind angekündigt.

Das Muster ist erkennbar: Statt bestehende Strukturen wirksamer zu machen oder einzelne abzulösen, wird eine neue Organisation hinzugefügt. Und parallel ein neues App-Versprechen kommuniziert. “On top” auf dem, was alles schon existiert-

Bei der Konsultation zum Deutschland-Stack – zweite Runde 16.01.–15.02.2026 – ist aus dem kommunalen Umfeld zu hören, die Beteiligung sei zu spät und zu schmal angesetzt gewesen. Das passt zu einem Muster, das im E-Government seit über 25 Jahren wiederkehrt: Die Kommunen, in denen die Verwaltungsleistungen am Ende ankommen, werden bei der Konzeption strukturell vergessen.

Beides muss man zusammen denken. „Alle mitnehmen" ist richtig – und im deutschen Föderalismus ohne Alternative. Aber „alle mitnehmen" heißt nicht, dass die Wünsche von allen in den D-Stack eingeschrieben werden. Sonst wird er der größte gemeinsame Nenner: Aber die Idee eines Stacks lebt davon, was er nicht enthält.

Verbindlichkeit ist methodisch ein richtiger Hebel. Aber sie funktioniert nur, wenn sie auf einer realistischen, fokussierten Architektur ruht – nicht auf einem aufgeblähten Wunsch-Sammelsurium. Sonst entsteht aus „verbindlich" entweder eine Compliance-Hürde, an der Behörden vorbei-improvisieren. Oder eine politische Sollbruchstelle, die niemand durchhalten will.

Shop für alles. Wettbewerb für wenige.

Parallel zum Stack läuft eine zweite Konsolidierungs-Bewegung: die Vereinheitlichung der IT-Beschaffungs-Marktplätze . Im März geht der Marktplatz Deutschland Digital in den Produktivbetrieb, betrieben von govdigital eG, mit Konsolidierung des FIT-Stores, des EfA-Marktplatzes und des Cloud-Service-Portals. Im Februar lief die Vorbereitung. Auch die Länder denken über eigene Marktplatzlösungen nach.

Auf den ersten Blick eine sinnvolle Bewegung: Findbarkeit für Verwaltungseinkäufer:innen verbessert sich, Anbietersuche wird effizienter. Auf den zweiten Blick steht da ein Problem.

Diese Marktplätze leben innerhalb eines komplexen Geflechts kommunaler und landeseigener IT-Dienstleister, Zweckverbände und gemeinsamer Beschaffungsorgane. Welche Verwaltungseinheit was beziehen darf, hängt nicht nur vom Ausschreibungsergebnis ab – sondern auch von Mitgliedschaften und Zugehörigkeiten. Über solche Konstrukte landet manch ein Rahmenvertrag faktisch im Inhouse-Direktzugriff, ohne dass es nach außen sichtbar wird.

Vereinheitlicht man jetzt die Shops, ohne diese strukturelle Logik anzufassen, verschiebt sich das Problem nicht – es zentralisiert sich. Wer im Geflecht ist, profitiert mehr. Wer nicht drin ist (mittelständische Open-Source-Anbieter, Startups, neue Markteinsteiger), ist von einem wachsenden Anteil öffentlicher IT-Beschaffung praktisch ausgeschlossen.

Wettbewerb sieht anders aus. Innovation bleibt auf der Strecke. Und Startups auch.

Fazit

An Bewegung mangelt es nicht. An Koordination schon. Und am Mut, eigene Pilotprojekte und neue Strukturen zugunsten gemeinsamer, bestehender, schneller wachsender aufzugeben. Das gilt im Microsoft-Exit, im Deutschland-Stack, in der Beschaffung – und es gilt seit mindestens 2019.

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