Jeder weiß es. Keiner handelt. – E-Government im Oktober 2025.

Oktober 2025 war ein Monat mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite: Bekenntnisse, Dokumente, Websites und der wachsende Verdacht, dass das Wissen über Probleme und das Handeln dagegen zwei verschiedene Dinge sind. Auf der anderen: ein legislativer Meilenstein, auf den die Verwaltungsdigitalisierung lange gewartet hat.

Deutschland-Stack: Wimmelbild mit Frühwert

Mitte Oktober launcht das BMDS die neue Projekt-Website zum Deutschland-Stack und startet den Konsultationsprozess. Die Reaktion in der Community ist geteilt, und ehrlich.

Die Kritik ist berechtigt. „Keine Strategie, keine technische Tiefe und fehlender Mut zur echten Veränderung", schreibt Thomas Bönig , Leiter des Stuttgarter Amts für Digitalisierung, auf LinkedIn. Netzpolitik konstatiert, das Projekt bleibe „Open Source vor verschlossenen Türen" . Der Tagesspiegel Background beschreibt das Informationsangebot als „Sammelsurium von Platzhaltern" (Paywall). Man kann das als Scheitern lesen.

💡 Man kann es aber auch anders einordnen: Im agilen Sinne ist frühes Veröffentlichen richtig. Eine unfertige Website schafft Druck auf den Konsultationsprozess, sie lädt zur Kritik ein, und Kritik braucht das Projekt. Wer eine fertige, glattpolierte Strategie abliefert, bekommt Zustimmung. Wer früh zeigt, was noch nicht steht, bekommt Feedback. Der D-Stack braucht das zweite.

Parallel tickt die Uhr: Die H2KI-Plattform soll bis 15. November in Hamburg stehen, nach mehreren Verspätungen, mit eingekürften Funktionalitäten. Ob der Termin hält, ist ungewiss.

Jeder weiß es. Keiner handelt.

Das Bemerkenswerteste im Oktober ist nicht neu, aber es ist jetzt schwarz auf weiß dokumentiert.

Baden-Württembergs Innenministerium räumt gegenüber Golem ein: Delos Cloud kann von der US-Regierung angewiesen werden, einen Datenabfluss in seine Software zu integrieren . Man nutzt Delos trotzdem.

Warum das relevant ist, zeigt ein Beispiel vom 31. Oktober: Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gibt bekannt, von Microsoft Office auf OpenDesk zu wechseln , entwickelt von ZenDiS. Der Auslöser: Trump hatte im Februar Sanktionen gegen den ICC-Chefankläger verhängt; sein Microsoft-Konto war danach nicht mehr zugänglich. Keine Theorie, keine Risikobetrachtung. Ein konkreter Einschnitt in den laufenden Betrieb eines internationalen Gerichts.

Das Muster ist in Deutschland bekannt. Schleswig-Holsteins Digitalminister Dirk Schrödter nennt Abhängigkeiten von deutschen Hyperscalern wie Stackit im TSB-Interview (Paywall) „hochgefährlich" und handelt auch: Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland, das die Open-Source-Transformation konsequent umsetzt , auch ohne auf openDesk zu warten. Es gibt Reibung an der Basis, eine Legacy-Anwendung blockiert noch den Linux-Arbeitsplatz. Aber es passiert.

Dänemark, kurz: Kopenhagen und Aarhus kündigen den Abschied von Microsoft an , die Digitalministerin folgt. Der Kontext ist klar: Trump und Grönland. Konkreter geopolitischer Druck erzeugt konkrete Entscheidungen. Ein eigenes Stück dazu kommt.

NOOTS: Lieferung nach langer Wartezeit

Am 16. Oktober verabschiedet der Bundestag das Gesetz zum NOOTS-Staatsvertrag . Für die meisten ein unscheinbarer Verwaltungsakt. Für die Verwaltungsdigitalisierung: ein echter Meilenstein, auf den lange gewartet worden ist.

Das Nationale Once-Only-Technical-System schafft die rechtliche und technische Grundlage dafür, dass Behörden Daten untereinander austauschen können, einmal angegeben, nicht wieder abfragen müssen. Die praktische Bedeutung zeigen zwei konkrete Testfälle : In Baden-Württemberg läuft am selben Tag, an dem der Bundestag abstimmt, der erste erfolgreiche Datenabruf für einen Anwohnerparkausweis über das NOOTS, Fahrzeugdaten direkt vom Kraftfahrt-Bundesamt, kein Papiernachweis. In Nordrhein-Westfalen läuft der zweite Use Case: Gewerbeanmeldung via Handelsregister.

Ohne den Staatsvertrag wären diese Tests nicht weitergegangen. Jetzt sind sie Realität. Das ist der Unterschied zum Wimmelbild.

Fazit

Oktober 2025 zeigte: Wissen reicht nicht. BaWü kennt das Delos-Risiko und zieht keine Konsequenzen. Andere, ein Bundesland, ein internationaler Gerichtshof, ein skandinavisches Nachbarland, ziehen sie. Was davon ein Vorbild ist und was eine Ausnahme bleibt, entscheidet sich nicht in Websites, sondern in Beschaffungsentscheidungen.

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